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Interview mit dem Alumnus Urban Weißhaar

Foto Urban Weißhaar
Urban Weißhaar

Urban Weißhaar, geboren 31.10.1970, studierte von 1994 bis 1997 Meteorologie an der Universität Karlsruhe. Er arbeitet bei der Lufthansa Systems Aeronautics, Airline Operations Solutions, als Teamleiter im Bereich Traffic Flow Restrictions. Seine Abteilung kümmert sich darum, dass die geplante Route jedes Fluges den aktuellen Regeln der Luftfahrtbehörde entspricht. AlumniKaTH sprach mit ihm über Studium und Beruf.

Herr Weißhaar, was hat Sie zum Studium nach Karlsruhe geführt?

Nach Abschluss von Vordiplom und darauf aufbauendem Baccalaureus der Physik an der Uni Freiburg wurden dort für Diplomarbeiten im wesentlichen Arbeiten im Bereich der Teilchenphysik bei CERN angeboten. Dieser Themenschwerpunkt konnte mich jedoch nicht unbedingt faszinieren, so dass ich schon während des Hauptstudiums der Physik einige Vorlesungen der Meteorologie im Nebenfach hörte. Das Buch von Hartmut Grassl “Wir Klimamacher“ war dabei die wegweisende Entscheidung für mich, eine neue Herausforderung im Bereich der Klimaforschung anzunehmen. Numerische Modellsimulationen für Wetter und Klima – das wollte ich machen! Auf besondere Empfehlung wechselte ich schließlich zur Uni Karlsruhe an das Institut für Meteorologie und Klimaforschung von Herrn Prof. Fiedler.

Was verbindet Sie mit der Fridericiana?
Für mich persönlich war das Studium in Karlsruhe ein tiefgreifender Einschnitt in mein Leben. Das Forschen und intensives Studium machten mir derart viel Freude und Spaß, dass für mich extrem intensive Arbeitszeiten anbrachen. Besonders das ungemein vielfältige Angebot an fachübergreifenden Vorlesungen an der Fridericiana konnte meinen Wissensdurst auf unterschiedlichste Fachdisziplinen stillen. Ich hatte stets das Gefühl, sehr viel und Wichtiges zu lernen. Von dieser hervorragenden Ausbildung profitiere ich heute noch. Zudem waren die technischen Rahmenbedingungen an Rechenzentrum und Forschungszentrum optimal für Studenten. Rückblickend kann ich mit Freude auf eine sehr spannende, erlebnisreiche und vor allem lehrreiche Zeit zurück schauen.

Sie arbeiten als Teamleiter im Bereich Traffic Flow Restrictions. Können Sie uns bitte erklären, was Traffic Flow Restrictions bedeutet?
Die Aeronautics bietet Airlines weltweit ein Flugplanungssystem an, welches im Herzen für die tägliche Optimierung jeder einzelnen Flugroute verantwortlich ist. Neben den sich naturbedingt ständig ändernden Wetterbedingungen spielen auch häufig wechselnde gesetzliche Vorschriften des Luftverkehrs bei der Planung der Flugroute eine wesentliche Rolle. Diese Vorschriften bzw. Verkehrsregeln werden auch „Traffic Flow Restrictions“ genannt und sind in etwa vergleichbar mit der Straßenverkehrsordnung; sie dienen der Sicherheit sowie der optimalen Auslastung der vorhandenen Airways. Bei den hochkomplexen Berechungen der Flugroute im vierdimensionalen Bereich müssen sie jederzeit eingehalten werden, um einen möglichst reibungsfreien Verkehrsstrom zu garantieren.

Was sind Ihre täglichen Aufgaben?
In Frankfurt leite ich das Team, welches sich um Entwicklung, Betrieb und Verkauf dieses Traffic Flow Restriction Moduls kümmert. Das Team wurde vor zwei Jahren modellhaft als fachübergreifendes Expertenteam gegründet, was sich in dem breiten Aufgabenspektrum zeigt. Überdies koordiniere ich unsere Kollegen in Danzig, wo die Programmierung unserer Software erfolgt. Meine Aufgaben erstrecken sich sehr stark im planerischen und strategischen Bereich. Hinzu kommt die kontinuierliche Überwachung der Flugroutenqualität, welche in unserem Team einen zentralen Baustein darstellt. Die Qualitätsansprüche und Erwartungen der Kunden an uns sind über die Jahre hinweg stetig gestiegen. Vor allem in einem hochdynamischen Umfeld mit sich ständig verändernden Randbedingungen für die Routenoptimierung ist es besonders schwierig, höchste Verfügbarkeit und Genauigkeit bei den Berechnungen zu garantieren. Als besonders schönen Teil meiner Arbeit empfinde ich die Reisen zu unseren Kunden, einerseits zu unseren Bestandskunden für review meetings sowie andererseits zu potentiellen Neu-kunden zur Produktvorstellung.

Der Luftverkehr nimmt stetig zu. Welche Anforderungen stellt das an die Organisation und Nutzung des Luftraums und die Flugsicherheit?
Der Luftverkehr in Europa beispielsweise ist extrem komplex, so dass aufgrund des erhöhten Flugaufkommens eine exponentielle Zunahme der Flugverkehrsvorschriften durch die nationalen Flugsicherheitsbehörden in den letzten Jahren erfolgte. Airlines sind damit sehr unzufrieden und rufen seit Jahren zu einem einheitlichen europäischen Luftraum auf, der zur Vereinfachung des europäischen Luftverkehrs führen soll. Dieses Projekt ist unter dem Namen SESAR – Single European Sky Air Traffic Management and Research bekannt. Die Laufzeit beträgt über 12 Jahre und lässt die Größenordnung der schwierigen Aufgaben erkennen. Persönlich bin ich sehr gespannt auf die Entwicklung und Erfolge dieses Vorhabens. Es bricht hier gerade eine sehr spannende Zeit an.

Wie sehen Sie die Auswirkungen des Flugverkehrs auf die Umwelt bzw. den Klimawandel?
Meine Liebe zur Forschung habe ich in all den Jahren nie verloren. Daher beteiligen wir uns gerade auch an einem vom Bundesministerium für Forschung und Bildung geförderten Projekt zur Untersuchung des Einflusses von Kondensstreifen auf die Atmosphäre. Gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Raum- und Luftfahrt (DLR), dem Deutschen Wetterdienst, der Deutschen Flugsicherung und Lufthansa versuchen wir zukünftig Flugrouten unter dem Gesichtspunkt dieses Einflusses zu untersuchen. Sicherlich nur ein kleines Mosaiksteinchen, aber immerhin. Bei der Flugroutenoptimierung versuchen wir jederzeit mit modernsten Techniken und Methoden Einsparungen in allen Bereichen zu erreichen. Der weltweite Flugverkehr trägt nun heutzutage mit ungefähr 2 % zum globalen CO2 Ausstoß bei, sowie nach Modellrechungen zu 3 % zum vom Menschen verursachten Klimawandel. Auf der emotionalen Ebene wird der Flugverkehr jedoch meist besonders kritisch diskutiert. Dies ist in meinen Augen hingegen nur ein Baustein des zentralen Problems: der globale Raubbau der natürlichen Rohstoffe! Unsere Zukunft wird extrem davon abhängen, wie wir das Problem des riesigen Energiebedarfs lösen können.

Sind Sie noch immer in Kontakt mit Ihrer Universität?
Sehr gerne sogar, sofern es in meinen engen Zeitrahmen passt. Im letzen Jahr habe ich auf Einladung von Herrn Prof. Kottmeier am Institut für Meteorologie und Klimaforschung einen Seminarvortrag über meine Arbeit gehalten. Es war ein tolles Gefühl, vertraute Gesichter zu sehen sowie im 13. Stock des Physik Hochhauses über die Dächer von Karlsruhe zu blicken und in schönen Erinnerungen zu schwelgen.

Verraten Sie uns etwas über Ihre Pläne oder Wünsche für die Zukunft?
Momentan befinde ich mich in einer aufregenden Zeit: Die globalen Anforderungen und Herausforderungen an den Flugverkehr sind immens. Daher würde ich sehr gerne bei strategischen Projekten mitwirken, bei denen ich meinen Beitrag zur ökonomischen als auch ökologischen Verbesserung des Systems Luftverkehr leisten kann. Hierbei gibt es weltweit viele erfolgversprechende Großprojekte; in welche Richtung ich mich in Zukunft entwickeln werde, ist momentan noch offen, aber ein paar Träume wohin die Reise gehen soll habe ich schon. Gerne berichte ich Ihnen in ein paar Jahren wieder.