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Interview mit dem Alumnus Günter Knieß

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Günter Knieß

Günter Knieß, geboren am 06.04.1951 in Maßbach, studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Karlsruhe. Seit 1976 arbeitet er für den Auswärtigen Dienst und war von 2003 bis 2005 als Deutscher Botschafter im Libanon. Momentan leitet er die Akademie Auswärtiger Dienst. Seine nächste Station als Botschafter wird Argentinien sein.

Herr Knieß, die Libanesische Republik zählt heutzutage weltweit zu den konfliktreichsten Regionen. Wie bereitet man sich auf ein solches Land vor?

Der Libanon gehört zur Konfliktregion Naher Osten, die seit mehr als 60 Jahren politisch instabil ist und in der gewalttätige Auseinandersetzungen unendlich viel Leid über die Bevölkerung gebracht haben. Ich war bereits bei meinem ersten Auslandseinsatz von 1978 bis 1981 in Jordanien und betrat daher kein unbekanntes Terrain. Ich habe mich in einer intensiven Runde von Gesprächen mit Experten und mit viel Lektüre vorbereitet. Meine nur rudimentär vorhandenen Arabisch-Kenntnisse habe ich vor der Ausreise aufgefrischt, so dass es für einfache Unterhaltungen reichte. Ich war allerdings überrascht, wie viele Libanesen Fremdsprachen beherrschen. Viele sprechen auch Deutsch.

Wie stark waren Sie auf Grund der Sicherheitslage in Ihrem täglichen Leben eingeschränkt?
Ich hatte Glück, dass ich in meiner persönlichen Bewegungsfreiheit kaum eingeschränkt war. Natürlich gab es eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen zu beachten. 2003 war die Wiederaufbauphase nach dem Bürgerkrieg abgeschlossen. Die latent vorhandenen politischen Spannungen äußerten sich noch nicht gewalttätig. Erst mit der Ermordung des Ex-Ministerpräsidenten Hariri im Februar 2005 begann mit zahlreichen Terrorattentaten ein erneutes blutiges Kapitel in der Geschichte des Libanon.

Wenn Sie an Ihre Zeit im Libanon denken oder an die anstehenden Jahre in Argentinien: Wie sieht der typische Arbeitstag eines Botschafters aus?
Die Arbeit der Angehörigen des Auswärtigen Dienstes orientiert sich an den Aufgaben: Die deutschen Interessen im Ausland vertreten, die Beziehungen pflegen, die Bundesregierung über die Entwicklungen im Ausland unterrichten und über Deutschland im Ausland informieren. Außerdem: Deutschen im Ausland beistehen. Diese Aufgaben spiegeln sich in den Referaten einer Auslandsvertretung: Politik und Kultur, Presse und Wirtschaft, Rechts- und Konsularwesen. Damit alles funktioniert, ist eine interne Verwaltung erforderlich. Diese Aufgaben bestimmen den Arbeitstag, auch den des Botschafters. Der Botschafter nimmt die wichtigsten Termine mit Außenwirkung wahr und betreibt „public diplomacy“. Dabei spielt der interkulturelle Dialog eine große Rolle. Als Leiter der Vertretung ist der Botschafter als oberster Manager für den Einsatz der Ressourcen und vor allem seiner Mitarbeiter verantwortlich. Wir legen im Auswärtigen Dienst viel Wert auf Teamarbeit, daher gibt es viele Besprechungen und Konferenzen. Dann schreibt man Analysen und Konzepte, spricht mit den Medien. Wichtig ist die Pflege der Kontakte im Gastland, d.h., dass man zu Empfängen geht und diese auch selbst gibt.

Würden Sie Ihren beruflichen Weg genau so wieder gehen?
Nach mehr als 32 Jahren bin ich immer noch begeistert von diesem Beruf. Mir gefallen das Leben im Ausland, die Vielseitigkeit und der Kontakt mit fremden Kulturen und Sprachen. Natürlich gibt es auch Schattenseiten: Die ständigen Umzüge und die manchmal schwierigen Lebensbedingungen stellen die Familie und die Kinder vor Probleme. Dem Partner/der Partnerin ist es oft nicht möglich, im Ausland den erlernten Beruf auszuüben. Für mich überwiegen eindeutig die positiven Seiten, die Herausforderungen, die Chance den persönlichen und beruflichen Horizont zu weiten und das Leben zu bereichern.

Als Leiter der Akademie Auswärtiger Dienst bilden Sie heute die Elite Deutscher Diplomaten aus. Bewerber zwischen 18 und 32 Jahren müssen neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch ein abgeschlossenes Hochschulstudium sowie zwei Fremdsprachen vorweisen. Welchen Ratschlag haben Sie für junge Hochschulabsolventen, die im Auswärtigen Dienst arbeiten möchten?
Kernaufgaben der Akademie Auswärtiger Dienst sind die Personalauswahl, die Ausbildung und die gezielte Fortbildung während des gesamten Berufslebens. Für den höheren Dienst ist ein abgeschlossenes Hochschulstudium Voraussetzung, wobei wir für alle Studienrichtungen offen sind. Gleichzeitig mit mir hat ein weiterer Absolvent aus Karlsruhe, ein promovierter Physiker, die Ausbildung begonnen. Er ist heute Botschafter in Island. Wir öffnen uns besonders für Absolventen mit ausländischen Wurzeln. Da der Auswärtige Dienst immer noch eine Entscheidung für ein ganzes Berufsleben ist, sollte man sorgfältig prüfen, ob es das Richtige ist. Entscheidungshilfen liefert der Selbsteinschätzungskatalog auf der Homepage des Auswärtigen Amtes. Überhaupt lohnt die Lektüre unserer Internetseite, da sie viele Informationen bietet. Wichtig ist es, sich für fremde Länder, Kulturen, Sprachen, internationale Beziehungen zu interessieren. Konkret heißt das, das Studium durchaus international anzulegen mit Auslandsstudien -oder praktika. Wir legen Wert auf ein breites Hintergrundwissen, also empfiehlt sich die Lektüre von Tages- und Wochenzeitungen, auch ausländischen. Im schriftlichen Auswahlverfahren kommt es auf Sprachkenntnisse und schriftliches Ausdrucksvermögen an. Im mündlichen Teil sehen wir uns die Persönlichkeit und die Kompetenzen der Bewerber an. Hier sind soziale und kommunikative Fähigkeiten wichtig. Sich schnell von einer Situation auf eine andere umstellen, souverän reagieren und belastbar sein, das sind weitere Voraussetzungen.

Als Botschafter treten Sie als Repräsentant Ihres Heimatlandes auf. Welches Deutschlandbild möchten Sie der Welt vermitteln?
Mir geht es vor allem um ein aktuelles Deutschlandbild: Deutschland als modernes und weltoffenes Land, das seinen Partnern in der Welt viel zu bieten hat, das seine Vergangenheit nicht unter den Tisch kehrt und dennoch in die Zukunft blickt, als ein Land, das Hochtechnologien entwickelt und beherrscht und mit seinen Partnern zusammenarbeiten will. Auch als ein Land, das die Herausforderungen der Globalisierung sieht, annimmt und um Lösungen ringt.

Wie wird man als Studierender der Wirtschaftswissenschaften Botschafter für Deutschland? Welche der Erfahrungen aus dem Studium haben Ihnen in Ihrem Beruf schon geholfen?
Ich habe mich im Hauptstudium viel mit internationalen Wirtschaftsbeziehungen beschäftigt. Ich strebte einen Einstieg bei der Weltbank oder beim Internationalen Währungsfonds an. Zum Auswärtigen Amt kam ich seinerzeit, 1975, eher zufällig: Wie viele andere durch die berühmte Anzeige in „Die Zeit“. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich den richtigen Beruf gewählt habe, aber spätestens beim ersten Auslandsaufenthalt war mir klar, dass ich richtig liege. Mit wirtschaftlichen Fragen hat man in diesem Beruf immer wieder zu tun. Und zwar nicht nur, wenn man Leiter der Wirtschaftsabteilung an der Botschaft in Mexiko ist, wie ich es bis 1999 war. Auch der Ingenieurteil meines Studiums spielte schon eine Rolle: 1999 wurde ich der Leiter des Konferenzreferates im Protokoll, das sich mit der Veranstaltung von Großkonferenzen für die Bundesregierung beschäftigt, wie zum Beispiel der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg im Jahre 2001. Bei der Errichtung von großen Bauwerken wie Pressezelten kommt es auf technisches Verständnis an. Mein Personalreferent sagte mir damals, dass die Wahl auf mich wegen meines Wirtschaftsingenieursstudiums gefallen war.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr Studium in Karlsruhe, welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?
Verständnis für wirtschaftliche und manchmal technische Zusammenhänge ist im Auswärtigen Dienst wichtig. Dies hat mir mein Studium vermittelt. Dazu präzises, systematisches und strukturiertes Denken und Arbeiten. Das Studium war intensiv und hart, aber auch sehr schön. Ich denke noch oft an die schönen Zeiten zurück - im Hans-Dieckmann-Kolleg oder die Frühlingstage im Schlossgarten mit dem Skript in der Hand.

Können Sie uns sagen, welche Eindrücke sich Ihnen geboten haben, wenn Sie aus Ihrem Bürofenster der Botschaft in Beirut geschaut haben? Welches sind die größten Unterschiede zum Blick aus dem Fenster in Berlin?
Aus meinem Bürofenster in Beirut sah ich ein kleines Stück Mittelmeer. Extrovertierte, mediterrane Lebensart ist das, was die Libanesen auszeichnet. Gepaart mit orientalischer Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Meine Familie und ich haben uns dort sehr wohl gefühlt, auch wenn uns immer die Sorgen der leidgeprüften Bevölkerung bewusst waren. Uns war stets vor Augen, dass der Libanon weniger als 100 Kilometer von der Außengrenze der Europäischen Union entfernt ist und dass das, was dort passiert, uns hautnah betrifft. Beim Blick aus meinen Bürofenster in der Akademie Auswärtiger Dienst sehe ich den Tegeler See. Mir ist bewusst, dass wir trotz aller Probleme und Herausforderungen in Deutschland in einem - über 60 Jahre -stabilen Land in einem friedlichen Europa leben und uns viel Wohlstand erarbeitet haben. Dass dies so bleibt und dass wir die internationalen Herausforderungen, insbesondere im Bereich des Klimawandels und der Globalisierung gemeinsam angehen können, dafür brauchen wir eine erfolgreiche Außenpolitik, einen funktionierenden Auswärtigen Dienst, für den die Akademie Auswärtiger Dienst wichtige Grundlagen legt.