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Erfolg mit Mathematik - Ein Studium in den 40er Jahren

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Hilde Becht

Hilde Becht wurde vor zwei Wochen 90 Jahre. Als eine der ersten Frauen studierte Sie in den 40er Jahren Mathematik und schloss ihr Studium sehr erfolgreich ab.
Das Interview wurde geführt von Dr. Nippert und Frau Menner.

 

Als ich Ihren Lebenslauf gesehen habe, war ich erstaunt, dass Sie als Frau in den 40er Jahren Mathematik studiert haben. Das ist ja doch ein etwas außergewöhnlicher Weg.
Ja das stimmt, es war so ein bisschen außergewöhnlich. Ich hatte in der Schule eigentlich immer viel Erfolg mit der Mathematik, sodass beim Abitur feststand, ich wollte Mathematik studieren. Eine Mitschülerin von mir hatte einen Freund, der am mathematischen Institut gearbeitet hat und der hatte sie gefragt, ob sie nicht kommen wollte. Die hatte aber von Mathematik gar nichts wissen wollen und da hat sie mir das weitergesagt. Am 13. März war die Abiturschlussfeier und am 15. März durfte ich schon bei diesem Hochschulinstitut anfangen. Das war ein großes Glück, denn sonst hätte ich zu der damaligen Zeit in den Arbeitsdienst gemusst wie meine ganzen Klassenkameradinnen, das ist natürlich Landwirtschaft gewesen und alles andere als Mathe.

 

Kurz nach Ihrer Einstellung müssten dann ja auch schon die Bombenangriffe das Mathematische Institut getroffen haben.
Ja, die kam am 27. September ´44. Wir mussten jeden Abend wenn wir fertig waren mit der Arbeit, unsere Rechenmaschinen und die Akten in den Keller bringen, die Bibliothek war schon unten. Das war damals Pflicht und das war natürlich die Rettung. Dann ist Professor Haack, durch seine Kriegsaufträge konnte er das machen, in das Restaurant Vogelsang in Ettlingen gezogen und wir haben da weitergerechnet.

 

Neben Ihrer Tätigkeit bei Herrn Prof. Haack haben Sie aber auch studiert?
Von Anfang an durfte ich zehn Wochenstunden hören, weil Professor Haack sagte, das ist für die Arbeit gut. Das war mir natürlich sehr recht, weil das schon als Semester gezählt hat.

 

Und Ihre Mutter hat Sie bei diesem Plan unterstützt, in die Mathematik zu gehen? Weil wenn man überlegt ihr Vater ist im Krieg gefallen, ihre Mutter ist alleine da…
Ja. Jetzt muss ich Ihnen grad zeigen was meine Mutter geleistet hat. Das ist meine Diplomarbeit und die hat sie getippt ohne von Mathematik eine Ahnung zu haben.

 

Wie ging es nach dem Bombenangriff und dem Umzug ins Restaurant Vogelsang weiter?
Also im Vogelsang waren wir nicht lange, denn am 4. Dezember 44 war der Großangriff in Karlsruhe und da hat Professor Haack dann Leine gezogen und ist mit dem ganzen Rest des Instituts nach Großalsleben, wo er eine Tante hatte, gefahren – also mit einem Güterwagen mit Akten, Rechenmaschinen und mit der Lehrstuhlbibliothek. In Großalsleben war eine staatliche Domäne und da hatte er dann einen Raum für das Rechnen requiriert und einen für seine Wohnung mit seiner Frau. Ich habe mit meiner Mutter in einem Bauernhaus gegenüber wohnen können. Meine Mutter konnte mitkommen, da sie früher Sekretärin war. Die bisherige Sekretärin von Professor Haack war halt ein junges Mädel, die wollte nicht allein mitgehen und dann ist sie hier geblieben und meine Mutter hat er als Sekretärin eingestellt. Wir haben nicht lange gearbeitet und dann kamen die Amerikaner.

 

Wie haben Sie den Einmarsch der Amerikaner erlebt?
Im April 45 sind die Amerikaner gekommen. Die Domäne, in der wir gearbeitet hatten, war über der Hauptstraße drüben und wir haben auf der anderen Seite gewohnt. Die andere Studentin und ich waren verpflichtet worden, wenn die Amerikaner einmarschieren sofort zu kommen und die Akten zu verbrennen, dass die nicht in feindliche Hände gelangen. Gut jetzt sind die amerikanischen Panzer durch die Hauptstraße gerollt und wir zwei junge Mädchen sind da durchgesaust von unserer Wohnung bis auf die anderen Straßen. Die Schwarzen in ihren Panzern, die haben sich eins gegrinst, weil wir zwei Angst gehabt haben. Und wir sind also drüben gut angekommen und haben angefangen Feuer machen. Dann kam ein General von den Amerikanern hat alles abgebremst, hat sofort alles eingeladen, die ganzen Akten, Rechenmaschinen zusammen mit Professor Haack und seiner Frau. Uns haben sie unbehelligt gelassen. Wir sind dann noch kurz geblieben bis die Russen vorgerückt sind bis zur Elbe wo dieser Jalta-Vertrag da war. Und da bin ich dann mit meiner Mutter per Anhalter wieder zurück.

 

Konnten Sie in Karlsruhe direkt wieder weiter studieren?
Zunächst war in Karlsruhe noch alles aufzuräumen. Da war die Verpflichtung zum Weiterstudium mindestens 100 unbezahlte Arbeitsstunden zu leisten. Ich habe dann also besonders im Aulabau mathematische Geräte sauber geputzt und den Mörtel von den Steinen geklopft, dass wir die Steine wieder benutzen konnten.

 

Sie haben nach Ihrem Studium geheiratet und sieben Kinder großgezogen, wie haben Sie Ihren Mann denn kennen gelernt?
Ja, ich habe eigentlich meinen Schwager kennengelernt. Einen Meinrad Becht, der Maschinenbau studiert hat und auch mein Jahrgang ist. Weil ich nur die 10 Wochenstunden hören durfte am Anfang, da hat mir einiges gefehlt. Ich habe meinen Schwager kennen gelernt, der sehr gut mitgeschrieben hat und mit dem zusammen habe ich mich dann auf die Physikvorprüfung vorbereitet. Bei der Gelegenheit habe ich seinen Bruder, der im Forstdienst war, kennengelernt. Das war dann natürlich wichtiger als Mathematik.

 

Welchen beruflichen Weg wollten Sie denn einschlagen?
Ja also ich habe ja das Diplom gemacht und ich wollte eigentlich dann an der Uni weiterarbeiten. Also für das Lehrfach war ich glaube nicht so arg geeignet, da hab ich immer so ein bisschen Horror gehabt vor den Schülern.

 

Dann haben Sie statt Schüler zu unterrichten, sieben Kinder in die Welt gesetzt und erzogen.
Meinen eigenen Kindern habe ich natürlich auch bei Mathe geholfen. Außerdem habe ich viele Nachhilfestunden unbezahlter Weise an Bekannte auf all unseren Stationen. Eben auch hier in Ettlingen, da habe ich auch bis vor kurzem eine Schülerin gehabt.