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Interview mit dem Alumnus Dieter Baldo

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Dieter Baldo

Dieter Baldo studierte an der Universität Karlsruhe Literatur- und Musikwissenschaft und war zuvor als Regieassistent und Schauspieler am Karlsruher Theater „Die Insel“ tätig. Später arbeitete er als Dramaturg und Spielleiter am Oldenburgischen Staatstheater und als Chefdramaturg und Pressereferent am Theater Trier. Heute ist er künstlerischer Leiter der Kleinkunstbühne Klamotte Würmersheim e.V. und schlüpft in die Rolle des Clowns Baldolino. Was ihm an dieser Rolle am besten gefällt und warum Kinder sein liebstes Publikum sind, berichtet er im Gespräch mit Elke Schmidt.

Herr Baldo, die Liebe zum Schauspiel war bei Ihnen schon früh zu erkennen. Dennoch gründet nicht jeder Theater-Liebhaber ein eigenes Theater. Wie kamen Sie zur künstlerischen Leitung der Klamotte?
Nachdem ich 10 Jahre als Dozent und Koordinator am Studiengang  Musiktheater-Regie“ in Hamburg gearbeitet hatte und mein Chef, der Generalintendant der Deutschen Oper Berlin, Prof. Götz Friedrich, überraschend verstorben war, zog ich, auch privat bedingt, wieder nach Baden in meinen Geburtsort Würmersheim. Nach Jahren der Wanderschaft verspürte ich Lust auf künstlerische Projekte in heimatlicher Landschaft. Dort habe ich mit verschiedenen Künstlern zusammengearbeitet und wurde später gebeten, die Feierlichkeiten zu „850 Jahre Würmersheim“ zu gestalten und zu organisieren. Der ehemalige Ortsvorsteher regte auch an, die Kleinkunstbühne „Klamotte Würmersheim e.V.“ ins Leben zu rufen, die inzwischen 5 Jahre alt geworden ist. In dieser Zeit haben wir neben zahlreichen Eigenproduktionen mit Amateuren und professionellen Künstlern auch über 50 Gastspiele bekannter Künstler wie Gunzi Heil und Harald Hurst gezeigt.

Wie sieht das Tagesgeschäft Ihres Berufs aus, was gehört zu Ihren Aufgaben?
Als künstlerischer Leiter kümmere ich mich, neben der Spielplan-Gestaltung mit hauptsächlich baden-württembergischen Künstlern und Künstlerinnen, um fast alles: Entwurf und Verteilung von Plakaten und Flyern, Presse, Sponsoring, Entwurf und Aufbau von Bühnenbildern, Einkauf von Speisen und Getränken für die Veranstaltungen, Aufbau und Technik; daneben schreibe und inszeniere ich Kinder-Stücke wie das deutsch-elsässische Clownstück Frido und Pipoletta oder Szenen aus dem Werk von Loriot. Zurzeit probe ich zum 65. Geburtstag des bekannten Karlsruher Künstlers Harald Hurst die „Harald Hurst-Revue“, die im Oktober Premiere feiern wird. Außerdem gibt es im Rahmen des „Durmersheimer Ferienspaßes“ mit Zirkus Firlefanz“ jedes Jahr in den großen Ferien eine Zirkus-Werkstatt für Kinder.

Sie schreiben auch eigene Stücke. Worüber schreiben Sie am liebsten und wie kommen Sie zu Ihren Ideen?
Am liebsten schreibe ich musikalische Abenteuer für Kinder. Inzwischen sind es mit einer eigenen Bearbeitung meines Lieblingsstücks „Peter Pan“ über 15 Stücke, die inzwischen auch fast alle in Theaterverlagen veröffentlicht wurden.

In allen Kinderstücken geht es um die Verwandlung des Alltäglichen, um Reisen in die Phantasie einer unbekannten, eigenwilligen und poetischen Kinderwelt. Da kann ein Schneemann schon einmal tanzen und ein Bus lebendig werden. Ideen bekomme ich hauptsächlich, wenn ich (manchmal) – wie der berühmte Regisseur Max Reinhardt – eine Handbreit über dem Boden lebe, aber ohne in Realitätsverlust zu verfallen! Ich sehe das Leben als einen bunten Carneval der Träume, bevölkert von Narren, Gauklern und Himmelsguckern.

Wie wird aus einer Idee überhaupt ein fertiges Stück? Haben Sie wie andere einen normalen Acht-Stunden-Tag oder schreiben Sie je nach Inspiration?
Mit einem Acht-Stunden-Tag kann ich als „freier Künstler“ nicht leben und die Inspiration ist der geringere Anteil der Kunst. Natürlich braucht ein Künstler Ideen, besondere Gedanken, ein phantasievolles Verhältnis zur Welt, aber in erster Linie braucht man für das Schreiben „Sitzfleisch“. Inzwischen habe ich gelernt, auf Wunsch und auf Anforderung zu schreiben, denn mit einem historischen Bewusstsein für Formen lässt sich aus jedem Thema ein Stück machen. Ich liebe Auftragsstücke, denn sie binden und bündeln meine Phantasie. Für das Kammertheater Karlsruhe habe ich bereits mehrere Stücke für Gastspiel-Auftritte geschrieben und auch inszeniert, unter anderem ein Schauspiel mit Musik über Giuseppe Verdi.

Sie arbeiteten auch als Dozent für den Studiengang Musiktheater-Regie. Welche Arbeit machte Ihnen mehr Spaß, die wissenschaftliche oder die künstlerische?
Als Dozent habe ich sowohl „Werkanalyse“ unterrichtet als auch StudentInnen mit ihren Musiktheater-Projekten von der Idee bis zur Realisierung auf der Bühne der Hochschule für Musik und Theater betreut. Das war sehr interessant.

Wie Bertolt Brecht habe ich nie eine strikte Trennung zwischen Kunst und Wissenschaft gemacht, denn an die „flüchtige“ Kunst muss man durchaus wissenschaftlich herangehen. Auf der anderen Seite ist Wissenschaft nur interessant, wenn sie eine künstlerische Komponente hat. Gerade heute gilt es stärker denn je, eine strenge Trennung von Kunst und Wissenschaft zu überwinden, um zu einer heiteren Lebenskunst zu kommen.

Sie haben zahlreiche Stücke für Kinder verfasst, die „Durmersheimer Jugendkunstschule e.V.“ gegründet und waren Referent für Jugendarbeit am Bundesarchiv Rastatt. Warum ist die Jugendarbeit so wichtig?
Während meiner Arbeit als Dozent habe ich die „Glinder Märchenspiele e.V.“ gegründet; da habe ich jedes Jahr mit vielen Kindern für Kinder Theater gemacht und mit „Firlefanz“ zusätzlich noch eine Schauspielschule für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen.

Von (meinen) Kindern habe ich gelernt, unbefangen zu sein und meine Kinderstücke zu schreiben; es gibt kein besseres und kritischeres Publikum als Kinder: sie lachen und verhalten sich ohne Barrieren; nicht umsonst vergleicht man Künstler gern mit Kindern.

Schon Friedrich Schiller wusste „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.

Neben Ihrer Arbeit für die „Klamotte“ treten Sie als Clown Baldolino auf. Wie fanden Sie zu dieser Rolle und was ist das Schönste an ihr?
Vor 5 Jahren habe ich mit der Clownette Stefanie Ferdinand (Karamella Rübe) begonnen, mit „Zirkus Firlefanz“ Ferienkurse für Kinder zu veranstalten. Da habe ich zum ersten Mal das rote Clownskostüm mit den Ringelsocken angezogen: ich verwandelte mich in „Clown Baldolino“ mit roter Nase, trat mit Karamella Rübe in Schulen auf, machte Stegreiftheater. Nach der Kleinkunstbühne erfüllte ich mir damit meinen zweiten Traum, denn der Clown darf alles, ihm wachsen Flügel, seine Träume sind bunt und manchmal kann er sogar übers Wasser gehen.

Als Clown Baldolino habe ich im letzten Jahr das „Zirkusfestival Baldolino“ realisiert, mit über 80 Kindern, die sich für 14 Tage in Feuerschlucker, Akrobaten, Clowns und Trapezkünstler verwandelt haben.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer künstlerischen Fächerkombination an der früheren Universität Karlsruhe gemacht?
Nach dem Besuch der Badischen Schauspielschule (Theater „Die Insel“) fing ich an zu studieren - in einem kleinen, überschaubaren Kreis von StudentInnen. Mit Dr. Jan Knopf lernte ich bald einen engagierten Professor kennen, der sich für Theater interessierte und bei dem ich später promovierte und mit dem ich heute noch befreundet bin. Bald danach gründete ich, fächerübergreifend mit den Architekten, die Theatergruppe „Kleines Organon“. Wir studierten Szenen aus Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ ein. Die Aufführungen im Pavillon am Schloss waren ein Erlebnis, an das ich mich, nach über 35 Jahren, gern erinnere.

Link zur Kleinkunstbühne „Klamotte Würmersheim e.V.: http://www.klawue.de