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Interview mit dem Alumnus Dr. Peter Cornel

Foto Peter Cornel
Dr. Peter Cornel

Wo Computer die Dürre bekämpfen
Dr. Peter Cornel widmet sich in Mexiko und Israel Fragen der Wasserwiederverwendung

Peter Cornel, geboren am 16. Januar 1951 in Frankfurt am Main, studierte Chemieingenieurwesen an der Universität Karlsruhe und promovierte dort 1983. Anschließend zog es ihn an die Universität Stanford in Californien. Heute arbeitet er als Professor für Abwassertechnik an der TU Darmstadt und verbrachte jüngst im Rahmen eines Forschungssemesters mehrere Wochen in Mexiko und Israel. Im Gespräch mit AlumniKaTH berichtet er von den Herausfoderungen und Chancen sein Fachgebietes.

Herr Dr. Cornel, Sie haben an der Universität Karlsruhe Chemieingenieurwesen studiert. Wie haben Sie Ihre Studienzeit in Erinnerung?
Ich denke oft und gerne an meine Zeit an der Uni Karlsruhe (TH). Die Freiheiten und Ungebundenheit während des Studiums, die vielen Denkanstöße und fachlichen sowie gesellschafts-politischen Diskussionen der 70er Jahre habe ich als ein ganz ungeheures Privileg meiner Studienjahre empfunden.

Stehen Sie heute noch in Verbindung mit Ihrem ehemaligen Studienort?
Ja. Ich bin einerseits Mitglied im Freundeskreis des Engler-Bunte-Instituts und gehe gelegentlich zu den jährlich stattfindenden Treffen. Viel wichtiger aber ist, dass ich zu zahlreichen früheren Kolleginnen und Kollegen noch regen beruflichen und/oder privaten Kontakt habe. Auch mit Frau Sontheimer, der Ehefrau meines leider früh verstorbenen Doktorvaters Herrn Prof. Heinrich Sontheimer und mit Frau Dr. Fuchs, der früheren Leiterin der Institutsbibliothek bestehen regelmäßige Verbindungen. Und mit einer Kommilitonin und Mitpromovendin pflege ich besonders guten Kontakt. Wir sind seit 22 Jahren verheiratet.

Heute arbeiten Sie an der TU Darmstadt als Professor für Abwassertechnik. Haben Sie diesen Fachbereich bereits während Ihres Studiums kennen gelernt?
Ich habe in Karlsruhe im Bereich Wasserchemie des Engler-Bunte-Instituts vertieft und promoviert und mich auch anschließend als Post Doc in Stanford eher mit sauberem Trink- und Grundwasser befasst. Mit Abwasser habe ich mich dann erst während meiner beruflichen Tätigkeit intensiver befasst.

Mit welchen Teilgebieten beschäftigt sich dieses Fach und was hat Sie daran besonders interessiert?
Die sichere Versorgung von Menschen mit Wasser und die Behandlung sowie die Wiederverwendung und Mehrfachnutzung von gereinigtem Abwasser sind eine der großen Herausforderungen, denn 2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu hygienisch einwandfreiem Trinkwasser. 6.000 Menschen, hauptsächlich Kinder unter 5 Jahren, sterben täglich durch unreines Trinkwasser. Der weltweite Wasserverbrauch hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht und die Nachfrage nach Wasser wird sich auch zukünftig alle 20 Jahre verdoppeln. Lediglich 10% der Weltbevölkerung sind an Kläranlagen angeschlossen. Daher beschäftige ich mich seit Jahren mit der Kreislaufführung und Wiederverwendung von adäquat gereinigtem Wasser, mit dem industriellen Wassermanagement, mit der Wiederverwendung gereinigten kommunalen Abwassers zur landwirtschaftlichen Bewässerung und auch insbesondere mit der innerstädtischen Wasserkreislaufführung, z.B. mit der Nutzung von gereinigtem und desinfiziertem Grauwasser (dem Ablauf von Duschen, Handwaschbecken, Waschmaschinen) zur Toilettenspülung, Gartenbewässerung oder Straßenreinigung.

Bis vor kurzem sind Sie für einen Forschungs¬aufenthalt nach Mexiko und Israel gereist. Wo genau waren Sie tätig?
Ich bin im Rahmen eines Forschungssemesters im März/April sechs Wochen an der UNAM (Univesidad Nacional Autonoma de Mexico) in Mexiko-City gewesen und im Juli für vier Wochen an der Ben-Gurion University of the Negev (BGU) in Be’er Sheva bzw. deren Außenstelle in der Wüste in Sde Boker. Viel größer können die Unterschiede nicht sein. Dort hat die weltgrößte Universität 290.000 Studierende in einer Stadt mit ca. 20 Millionen Einwohnern. In Sde Boker hingegen leben rund 500 Menschen mitten in der Wüste, etwa 40 Kilometer südlich von Be’er Sheva.

Was erwartete Sie in Israel und Mexiko und wo lagen die großen Unterschiede?
Ich befasste mich dort wie hier mit den lokalen Forschungsarbeiten zur Wasserwiederverwendung. Die Arbeiten unterscheiden sich grundsätzlich, wie sich auch die Wiederverwendung und die Wasserverfügbarkeit unterscheiden: In Mexico-City wird nahezu das komplette Abwasser seit mehreren Jahrzehnten ungereinigt zur landwirtschaftlichen Bewässerung im Tula-Valley verwendet. Die Felder werden bei Bedarf geflutet und die Pflanzen sowie der Boden übernehmen die „Abwasserreinigung“. Die mittlerweile in dem einst trockenen Tal entstandenen Quellen zeigen eine so gute Wasserqualität, dass erwogen wird, es als Trinkwasser für Mexico-City zu nutzen. Natürlich werden keine Pflanzen zum direkten menschlichen Verzehr angebaut. Überwiegend handelt es sich um Futterpflanzen. Wenngleich diese Art der Wasserwiederverwendung zahlreiche hygienische Risiken mit sich bringt, so ist sie doch ein wissenschaftlich interessantes und äußerst anschauliches Lehr- und Studienobjekt. Ganz anders in der Wüste Israels. Hier wird mit Wasser äußerst sorgfältig umgegangen. Jede Pflanze muss künstlich bewässert werden. Angesichts der Wasserknappheit wird das gereinigte Abwasser von Tel Aviv und etlichen anderen Städten zu Bewässerungszwecken über 80 km in den Süden gepumpt und dort den einzelnen Pflan¬zen tröpfchenweise zugeführt. Jeder Baum, jeder Busch hat eine eigene Bewässerungsleitung, mit der computergesteuert nach Bedarf und Verduns¬tungsrate die Pflanze mit Wasser versorgt wird. Und dies erfordert eine sehr aufwändige Reini¬gung des Wassers bis hin zur Entsalzung, um den Boden nicht auf Dauer in eine Salzwüste zu verwandeln.

Wie gestaltete sich Ihr Alltag in Israel? Hatten Sie das Gefühl sich frei bewegen zu können oder hatten Sie Sicherheitsbedenken?
Natürlich sind die Sicherheitsvorkehrungen für uns zunächst ungewohnt. Viele Zäune, viel Stacheldraht, viel sichtbares Militär. Übungen mit gepanzerten Fahrzeugen und Panzern sowie Militärjets im Formationsflug gehören hier im Negev eher zum Alltag. Ausweiskontrolle an allen Tore zur Uni - die selbstverständlich mit einem hohen stabilen Zaun umgeben ist und Tag und Nacht bewacht wird - Taschenkontrollen bei Supermärkten, vor Shoppingcentern, im Bahnhof etc. Die Wachleute mit geschultertem Gewehr, wie überhaupt die Vielzahl der Gewehre im Straßenbild sind gewöhnungsbedürftig. Insbesondere wenn am Wochenende die Soldatinnen und Soldaten mit lässig umhängendem Gewehr im öffentlichen Bus nach Hause fahren. Auch ungeliebte, da stauerzeugende Straßenkontrollen gehören zum Alltag. All das wird aber ohne Murren hingenommen, manches vermutlich von den hier Lebenden gar nicht mehr wahrgenommen. Dennoch und obschon nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt, konnte ich mich so frei bewegen wie jeder Israeli auch.

Israel ist einerseits stark vom Judentum geäprägt, gleichzeitig sind auch westliche Einflüsse sowie die Religionen und Kulturen der zahlreichen Einwanderer aus Asien und Afrika bedeutsam. In der Summe ergibt sich so eine sehr vielfältige Gesellschaft. Welche Eindrücke boten sich Ihnen bei einem Spaziergang durch die Stadt?
Israel ist ein Vielvölkerstaat. Fast 20 % der Bevöl¬kerung in Be’er Sheva ist russischer Abstammung und erst nach 1990 nach Israel eingewandert. Sie leben überwiegend in russischsprachigen Wohnbezirken mit eigenen Läden, schauen russischsprachige Nachrichten, Fernsehprogramme, etc. Auch Araber, Drusen und im Negev insbesondere die Beduinen leben weitgehend segregiert. Entsprechend vielfältig sind die Eindrücke. Westliche Kleidung, Trägershirts, Minirock, Bikini neben Kopftuch, Tschador und Burka. Hinweisschilder finden sich in Hebräisch, Arabisch, Englisch und gelegentlich auch in Russisch. Studiengänge werden teils in Hebräisch teils in Englisch angeboten. Und oft wurde ich sogar in Deutsch oder Jiddisch begrüßt, bevor man zu Englisch wechselte.

Bei Ihren Forschungen arbeiteten Sie auch mit israelischen Wissenschaftlern oder Wissenschaftlern aus anderen Nationen zusammen. Wie gestaltet sich die internationale Zusammenarbeit? Gibt es Kommunikationsschwierigkeiten aufgrund verschiedener Sprachen oder Mentalitäten?
Israelische Wissenschaftler sind meiner Erfahrung nach viel stärker international geprägt und gewohnt international zusammenzuarbeiten. Zahlreiche Professoren, in meinem Fachgebiet wohl die meisten, haben einen Ihrer Abschlüsse in den USA gemacht oder zumindest dort einen Post Doc Aufenthalt verbracht. Ich habe keinerlei Kommunikationsprobleme erlebt. Im Gegenteil: Ich habe eine unglaubliche Gastfreundschaft über alle Sprach- und Kulturbarrieren hinweg erfahren.