Ein Leben für die Raumfahrt

Alumnus Otto Götz arbeitete 35 Jahre für die NASA
Alumnus Otto Götz arbeitete 35 Jahre für die NASA

Von Karlsruhe in den Weltraum! Jedenfalls annähernd so weit hat es Alumnus Otto Götz gebracht. Nach seinem Maschinenbaustudium arbeitete er als Chefingenieur bei der NASA und entwickelte Motoren für das Space Shuttle. Wie die Studienbedingungen nach dem 2. Weltkrieg waren und welche Erlebnisse bei der NASA ihn besonders beeindruckt haben, erzählt er im Interview.

 

Herr Götz, Sie nahmen Anfang der 50er Jahre Ihr Maschinenbaustudium in Karlsruhe auf. Wie waren die Studienbedingungen so kurz nach dem Krieg?

GÖTZ: Während meiner ganzen Studienzeit in Karlsruhe wohnte ich in Untermiete zusammen mit meinem Gymnasiumsschulkameraden Willi Schönauer, dem späteren Professor Dr. Ing. am Rechenzentrum in Karlsruhe, mit dem ich heute noch eng befreundet bin. Mit Ausnahme von einigen nicht-deutschen Studenten hatte in den Nachkriegsjahren niemand viel Geld. Die meisten Studenten hatten daher das Ziel, so bald wie möglich das Studium abzuschließen und ins Berufsleben einzusteigen. Abgesehen von Pendlern fuhren die meisten meiner Kommilitonen freitagabends mit Zug oder Bus nach Hause (niemand hatte ein Auto) und kamen Sonntagabend zurück mit einem Koffer voll frischer Wäsche und Esswaren. Hauptverkehrsmittel für uns Studenten in Karlsruhe war das Fahrrad. Die Spuren des Zweiten Weltkriegs waren noch überall zu sehen, bei schlechtem Wetter regnete es im Hörsaal. Damals war Maschinenbau ein nahezu komplett „männlicher“ Studiengang, ich kann mich nur an eine Maschinenbau-Studentin erinnern. Auch der Kontakt zwischen Studierenden und Professoren war bei weitem nicht so eng wie heute. Der persönliche Kontakt mit den Professoren in den großen Vorlesungen war mit Ausnahme der mündlichen Prüfungen praktisch null, weit mehr Kontakt bestand mit den Assistenten der Professoren. Besseren Professorenkontakt gab es nur in speziellen Vorlesungen und Labors.

 

Wie haben Sie nach dem Studium den Einstieg ins Berufsleben gefunden, welches waren Ihre ersten beruflichen Stationen?

GÖTZ: Nach bestandener Diplomhauptprüfung wurde ich durch die Vermittlung von Prof. Dickmann von Escher-Wyss in Zürich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.
Der Interviewer war Prof. Keller, Technischer Direktor bei Escher Wyss, Professor an der ETH und bekannt durch den Ackeret-Keller Prozess. Nach dem Interview und einer Tour durch die Fabrik, das Laboratorium und die Ingenieursabteilung nahm ich das Stellenangebot sofort an. Ich beschäftigte mich dort hauptsächlich mit der Berechnung und der Anwendung von NACA Profilen (zweidimensionale Querschnitte) für Turbinenschaufeln und der Entwicklung von cavitationsarmen Tragflügelprofilen mit hohem Auftrieb und niedrigem Widerstand für Pumpen. Die Ergebnisse wurden in Versuchsmodelle umgewandelt und die Modelle teilweise auch von mir in großen Versuchsständen getestet.

 

Sie arbeiteten später als Chefingenieur bei der NASA an einem Space Shuttle mit. Wie kam es dazu und welche Aufgaben übernahmen Sie dort?

GÖTZ: 1961entschied ich mich, amerikanische Erfahrung zu sammeln, um meinen Horizont zu erweitern und nach meiner Rückkehr schneller beruflich vorwärts zu kommen. Nach einem Zwischenstopp bei der Army Ballistic Missle Agency (ABMA) in Huntsville Alabama wechselte ich kurz darauf zur NASA, dem Marshall Space Flight Center unter der Führung von Dr. Wernher von Braun. Ich arbeitete zunächst in der Versuchsabteilung für Raketenmotoren mit Fokus auf die Turbinen, Pumpen und Brennkammern der F-1 und J-2 Motoren, die Antriebsaggregate der Mondrakete. Von Braun bestand darauf, dass NASA die Motoren unabhängig vom Auftraggeber Rocketdyne, einem führenden Unternehmen für aketentriebwerke, in Huntsville testete. Wir bauten Prüfstände nicht nur für die ganzen Aggregate, sondern auch für die Turbinen/Pumpen, Gasgeneratoren und die Brennkammern. Ich nahm auch teil an der Formulierung von neuen Motorenprogrammen wie M-1, J-2X, Aerospike und den Space Shuttle Main Engine SSME.

1974 wurde ich leitender und verantwortlicher NASA Ingenieur für die Pumpen/Turbinen und Brennkammern der Space Shuttle Main Engine (SSME). Im Heck des Shuttleflugzeugs sind drei dieser Flüssigwasserstoff und Flüssigsauerstoff verbrennenden Motoren zur Schubleistung eingebaut. Nach dem ersten Shuttleflug 1981 bekam ich die Aufgabe, die SSME zu
verbessern und die Maschine den ursprünglichen Spezifikationen näher zu bringen. Diese Aufgabe erforderte Integration von meist allen Ingenieursbereichen wie Materialen, Festigkeit, Dynamik, Thermodynamik, Aerodynamik, Regeltechnik, Instrumenten, usw. SSME war der erste und einzige wiederverwendbare Raketenmotor, was besondere Lebensdaueransprüche an die hoch beanspruchten Komponenten stellte. Nach dem Challenger Unglück 1986 wurde ich Chefingenieur für das gesamte SSME Programm mit der Hauptaufgabe, Umkonstruktionen durchzuführen, die mit den Empfehlungen der Roger Commision, die das Challenger Unglück untersuchte, und der NASA Führung in Einklang waren. Nach der Einführung und Flugverifikation der post-Challenger Umkonstrutionen widmete ich mich nochmals der Verbesserung der Shuttle Flüssigkeits-Hauptmotoren in Bezug auf Reduktion des Katastrophenrisikos, Erhöhung des sicheren Schubs für Notfälle, Erhöhung der Lebensdauer der Komponenten, um kostspielige Reparaturen zu sparen, alles gekoppelt mit der Aufgabe, nicht den spezifischen Impuls zu reduzieren. Das Resultat sind die Block I und Block II SSME Maschinen, die heute fliegen.

 

Welches Erlebnis aus Ihrer NASA-Zeit ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

GÖTZ: Höhepunkte meiner NASA Tätigkeit waren vor allem die Teilnahme an den Shuttle Starts mit der Verantwortung zur Freigabe der drei Flüssigkeitsmotoren während des Countdown am Kennedy Space Center. Ich erinnere mich auch gerne zurück an Briefings für Congress-Abgeordnete, Astronauten und NASA Administratoren. Sehr beeindruckt haben mich außerdem auch Gespräche über die Sicherheit der Space Shuttle Flüssigkeitsmotoren mit dem Challenger-Ausschussmitglied und Physik-Nobelpreisträger Dr. Richard Feynman. Tiefpunkte waren jeweils die Test Stand Explosionen der SSME.

 

War es schon immer ihr Traum gewesen, bei der Raumfahrtbehörde zu arbeiten oder haben Sie eher praktische Überlegungen zur NASA geführt?

GÖTZ: Ich war schon immer interessiert an Turbinen und daher auch an Jet- und Raketenmotoren. Dieses Interesse führte auch dazu, dass ich mich vor meiner Anstellung bei der NASA bei ABMA bewarb. Das Thema hat mich auch in meinem Ruhestand nicht losgelassen. Nach meiner Pension 1996 arbeitete ich als Berater für Raketenmotoren, u.a. an noch
auftauchenden SSME Restproblemen, an der russischen RD-180 Maschine für Atlas V (die Rakete absolvierte ihren Jungfernflug 2002 und brachte einen Fernsehsatelliten ins All, a.d.R.), an den verschiedenen RL-10 Maschinen für die Oberstufen der Delta 4 und Atlas V Raketen, an dem Motor der zweiten Stufe der russischen Proton-Rakete und vielen weiteren Raktenmotoren. Von 2001 bis 2003 war ich außerdem Mitglied des NASA Aerospace Safety Advisory Panels (ASAP) mit Verantwortung für das Ressort Triebkraft.

 

Wie wurden Sie als deutscher Dipl.-Ingenieur in den USA aufgenommen?

GÖTZ: Ich wurde voll in das Team integriert und hatte niemals das Gefühl, dass ich als deutscher Immigrant diskriminiert oder benachteiligt wurde. Im zivilen Bereich war es für mich anfangs ein großer Vorteil, dass ich praktisch in eine deutsche Kolonie kam, die aus älteren Peenemündern und aus in den 50ern zugewanderten deutschen Ingenieuren bestand. Noch heute haben wir hier z.B. eine Skatrunde. Auch die US Südstaatler hier haben mich sehr bei grundlegenden Dingen wie der Wohnungssuche, dem Autokauf usw. unterstützt. Ich war als Junggeselle öfters bei Amerikanern eingeladen und musste natürlich auch “moonshine”, den illegal gebrannten Whisky, probieren. Und ich trat bald einem Toastmasterclub bei. In diesen Clubs werden öffentliches Sprechen und Auftreten und auch Führungsqualitäten eingeübt, was mir wesentlich half, Vorträge auf Englisch zu halten.

 

Zur Person:
Otto Götz wurde 1932 in Rastatt geboren und wuchs in Michelbach im Murgtal auf. Im Wintersemester 1952/53 immatrikulierte er sich an der TH Karlsruhe für die Fachrichtung
Maschinenbau. Zu seinen Professoren zählten unter anderen Prof. Strubecker (Mathematik), Prof. Gerthsen (Physik) sowie die Professoren Plank und Nesselman (Thermodynamik) und Dickmann (Aerodynamik). Für seine NASA-Tätigkeit erhielt er mehrere Ehrungen, u.a. den Silber Snoopy, der von Astronauten an Persönlichkeiten verliehen wird, die in besonderem Maße zum Gelingen einer bemannten Raummission beigetragen haben. Außerdem wurde er zum NASA Engineer of the Year gekürt, erhielt den Stellar Award von Rotary International, bekam den Astronautics Engineer Award vom US Space Club und einen Presidential Meritorious Award vom ehemaligen US Präsidenten G. H. W. Bush.